Kunst – abseits des Mainstreams
Sonntag 24. September 2017

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ANKERZURREN – RAINER NOCHT

Kai Carmann, gutaussehend, Anfang 40, arbeitet als Geschäftsführer im Investmentbanking und ist Mitglied im erweiterten Vorstand einer großen Bank. 400 PS Auto, eine mit Alarmanlage gesicherte Penthousewohnung über den Dächern von Hannover, die nur über einen privaten Fahrstuhl zugänglich ist. Einen Marathon laufen, um es in der Vita erwähnen zu können. Nach der Arbeit öffnet er sich gerne eine gute Flasche Wein und macht es sich auf der Designer Couch oder im Whirlpool gemütlich. Das Leben von Carmann ist ohne Zweifel das eines perfekten Business-Mannes, entsprechende Auswirkungen auf das Privatleben inklusive. Als er während eines Trainingslaufes von einem Dobermann angegriffen wird, soll sich das schlagartig ändern. Ausgerechnet der Einsiedler, der im Zirkuswagen am Rande der Gartenkolonie haust, und nach Carmanns Meinung die noble Wohngegend entscheident abwertet, kommt ihm zu Hilfe und verhindert Schlimmeres.

Es entwickelt sich eine innige Männerfreundschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Der karrierebewusste, materiell eingestellte Banker Kai und der ohne festen Wohnsitz und in Einsamkeit lebende Rolf, zwischen denen zudem ein beachtlicher Altersunterschied liegt.

Bei gemeinsamen „Koch-Abenden“, die ab sofort Gepflogenheit der Beiden werden, erfahren Kai und der Leser mehr über Rolf, der erst seit einem persönlichen Tiefschlag derart zurückgezogen lebt. Der promovierte Wirtschaftsrechtler und Philosophie-Absolvent gibt Einblicke in sein früheres Leben und seine Denkweise. So philosophieren sie über grundlegende Angelegenheiten und sind sich einig, dass nichts zu 100 Prozent planbar ist, was eine Kontroverse zum bisher Gelebtem und Angenommenen von Kai darstellt. Mit der Zeit erkennt er, dass es nicht auf höchstmögliche Boni und Renditen ankommt, wenn man das Leben in vollen Zügen genießen möchte.

Ein Roman, der mal nicht ein tausendfach verwendetes Thema aufgreift, sondern eine wundervolle Männerfreundschaft auf ganz eigene Art und Weise erzählt. Erfrischend und wehmütig zugleich. Durch die vielen Erklärungen Rolfs, die teilweise aufklärend und anmaßend wirken und in wörtlicher Rede verpackt sind, lesen sich die entsprechenden Stellen allerdings etwas schleppend. Der Leser hat gar nicht die Chance, sich selbst über das Angesprochene Gedanken zu machen, Rolf sagt, wie es am besten ist, Kai nickt. Außerdem fallen – zumindest mir persönlich als Nichtraucherin – die gefühlten 150 Zigaretten auf 167 Buchseiten sehr negativ auf, die sich die beiden Männer anzünden und inhalieren. Diese im Buch als „neutrale Pausen“ beschriebenen Lückenfüller sind irgendwann nervig. Trotz diesen beiden Punkten handelt es bei “Ankerzurren” um eine lesenswerte Abwechslung.

ISBN: 978-3-924944-95-7, Verlag: Edition Thaleia, Erschienen: 2010, Preis: 14,00€, Seiten 172.

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