Kunst – abseits des Mainstreams
Sonntag 24. September 2017

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BLACKOUT -Morgen ist es zu spät-

Um in der heutigen Zeit einen Krieg zu führen, braucht es keine chemischen Waffen mehr. “Krieg 3.0″ oder “Cyber-War” klingt wie Science-Fiction, gewinnt aber in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Eine Vielzahl von “IT-Angriffen” in den letzten Jahren sind bekannt, die nicht zuletzt auf Behördennetze, Energieversorger und Mobilfunkanbieter abzielten. Absolute Sicherheit besteht nie.

Blackout von Marc Elsberg ist das Ergebnis aus drei Jahren intensiver Recherche, Gesprächen mit Fachleuten der Energie- und IT-Branche und dem Katastrophenschutz sowie Berichten der New York Times und des Instituts für Elektrische Energietechnik der Universität Rostock. Realitätsnah mit Beispielen der vergangenen Jahre gespickt, bleibt das beschriebene Horrorszenario dennoch Fiktion.

“Diese Gesellschaft, die vom Geld besser war und von Macht, von der Ordnung und der Produktivität und der Effizienz, vom Konsum, von der Unterhaltung und vom Ego und davon, wie sie möglichst viel von allem an sich reißen konnte.”

Stromausfall in weiten Teilen Deutschlands, innerhalb einer Dreiviertelstunde gehen in ganz Europa die Lichter aus. Aus Stunden werden Tage. Während Regierung, Behörden und Stromversorger im Dunklen tappen, hat der Italiener Piero Manzano – Hacker und Aktivist beim G-8-Treffen in Genua 2001- eine Spur, für die er anfangs nur belächelt wird. Erst über eine Bekannte kann er sich bei Europol Gehör verschaffen, wo seine Vermutungen durch gezielte Untersuchungen bestätigt werden. Intelligente Stromzähler, sogenannte Smart Meter, wurden mit Malware infiltriert und sind Auslöser des europaweiten, später auch in Amerika auftretenden Stromausfalls.

Totalausfall und Staatsversagen

Die Suche nach den Verursachern und die Wiederherstellung der Energiezufuhr stellen sich jedoch als langwieriger Kampf gegen die Zeit heraus. Generell herrscht eine schlechte Informationslage, der Mobilfunk ist abgeschaltet, Fernseher funktionieren nicht wegen des fehlenden Stroms, batteriebetriebene Radios können bald nichts mehr empfangen. Die Kommunikation innerhalb von Europa ist lediglich über Behördenfunk möglich. Die Menschen frieren in ihren ausgekühlten Wohnungen, ohne fließendes Wasser verschlechtern sich die hygienischen Zustände rasant. Lebensmittel und Bargeldvorräte neigen sich dem Ende, Tankstellen haben längst geschlossen, Atomkraftwerke stehen wegen aussetzender Kühlsysteme vor dem Super-GAU. Schwarzmärkte florieren, die öffentlichen Strukturen und Behörden brechen zusammen, Polizei und Militär können die Sicherheit nicht mehr aufrecht halten. Selbstjustiz, Aufstände und Plünderungen sind an der Tagesordnung.

Mehr als zehn Tage halten diese katastrophalen Verhältnisse an, ehe durch internationale Zusammenarbeit der Blackout beendet werden kann. Todesopfer im Millionenbereich, Langzeitgeschädigte nicht mitgezählt. Unbewohnbare Landstriche, eine auf Jahre ruinierte Wirtschaft und vor allem, die psychischen Folgen, mit denen die Bevölkerung ein Leben lang zu tun hat. Blackout – die moderne Art von Krieg.

Der Roman, dessen Schauplätze Städte und Regionen in ganz Europa sind, beginnt mitten im Geschehen. Eine Vielzahl von Personen, wovon die meisten Charaktere jedoch nur oberflächlich behandelt werden, stehen im Kontrast zu bestens recherchierten Hintergründen, auf denen eindeutig der Schwerpunkt liegt. Der 800-seitige Roman ist thematisch gesehen mit Sicherheit nicht unbedingt abseits des Mainstreams. Jedoch hat uns an der ersten Veröffentlichung von Marc Elsberg besonders die Schilderung der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen gefallen, die selten so offen beschrieben werden. Schnell zu lesender Stoff, der jedoch weniger schnell verdaulich ist. Deshalb hat es dieser Roman auf SUCCULTURE geschafft.

ISBN: 978-3-764504-458 | Verlag: Blanvalet | Erschienen: März 2012 | 800 Seiten | Preis: 19,99€

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