Kunst – abseits des Mainstreams
Mittwoch 13. Dezember 2017

Archiv

BRAINSPOTTING von UWE KRAUS

Gegliedert in vierzehn Abschnitte schildert Uwe Kraus in seinem ersten Roman, der 2010 beim Saarbrücker CONTE Verlag erschienen ist, persönliche Erlebnisse aus den Jahren 1996 bis 2004. Zentrales Thema ist seine Drogensucht, Drogenexzesse und ihre Folgen. Handlungsorte, die jedem Kaiserslautrer Bürger bekannt sind, bindet er ebenso in seine ganz persönliche Geschichte ein, wie seine Leidenschaft zum 1. FC Kaiserslautern, welcher bereits Thema einer seiner Veröffentlichungen im BOD Selbstverlag war.

Gut gegen Böse – und ich begann, auf der bösen Seite im Spiel zu stehen.“ 1996 triftet er in die Kaiserslautrer Punk-/ und Kifferszene ab. Der Köwi, eine ehemalige Kneipe am Marienplatz, und der Rathausvorplatz, der heute immer noch für diese Szene bekannt ist, waren beliebte Anlaufstellen. „Wettbauen“ um die effektivsten Bongs mit den „größten Kawumms“ wird zur Gewohnheit, ebenso wie Drogenexzesse und die daraus resultierenden Wahnvorstellungen.

Dann zieht man langsam die obere Plastikflasche nach oben und durch den Unterdruck, der in der Flasche dann entsteht, kommt eine Menge Qualm in die Flasche. Je gelber und kräftiger, desto besser!“.

Es gibt kaum Präparate, die Kraus nicht einmal ausprobiert hat: Acid, Amphetamin, Colapep, Dope, Engelstrompeten, LSD, Passionskraut, Pilze, Purple Haze, Speed, Stechäpfel, XTC. Immer schlimmer werden die Halluzinationen und deren Auswirkungen. Als „Dementia praecox“, vorzeitige Demenz, beschreibt er seinen eigenen Zustand. Wahnzustände und Psychosen häufen sich, er bekommt Neuroleptika verschrieben „…weil ich zwischendurch glaubte, ich sei Barbarossa und würde die Welt vom meinem Fernsehsessel aus regieren“.

Im Winter 1996 dann der Höhepunkt seiner Schizophrenie: drei Tage Halluzinationen durch Engelstrompeten, schlafwandelnd durchs Wohnhaus, völlig in Trance und nur noch physisch anwesend. Prüfungs- und Versagensängste führen zu Depressionen, in der Schule ist er wegen der hohen Fehlzeiten nur noch Gastschüler.

Er versucht sich zu distanzieren, bricht den Kontakt zu seinem Kiffer-Freund Romario ab. Von 1999 bis 2002 besucht Kraus die Meisterschule in Kaiserslautern, um seinen Gesellenbrief als Lackierer zu erlangen. Im Winter 98/99 lernt er seine erste Freundin Christiane kenne, die Beziehung scheitert jedoch an seiner Drogensucht.

Brainspottig ist ein Gefühl, das ich nicht richtig einordnen kann. Man denkt, man könnte durch Leute hindurchdenken, wäre mit ihnen vernetzt, könnte zu ihren Gedanken vordringen und die eigenen hinzufügen. Man glaubt, die Welt gehöre einem ganz allein.“.

Ein herber Rückschlag erlebt Kraus 2003. Wegen heftiger Halluzinationen und Wutausbrüchen wird er per richterlichen Beschluss in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie Landeck eingewiesen. In den ersten Tagen an sein Bett gefesselt, erleidet er weitere Depressionen aufgrund von Entzugserscheinungen. Doch die Station P19 bringt die entscheidende Wende. Knapp sechs Monate später wird er aus der Tagesklinik entlassen und bringt sein Leben dank eines Therapeuten „in geordnete Bahnen“.

Seit sieben Jahren ist er nun mit der richtigen Dosis Risperdal und Seroquel eingestellt und seit dem 3. Juli 2003 clean. Heute wohnt Kraus im Lautrer Stadtteil Eselsfürth, wo er mit seinem Vater eine Autolackiererei betreibt. Ab und an sieht man ihn in der Innenstadt. Ein unscheinbarer Mann mit dunkler, leiser Stimme, introvertiert, ein Lächeln auf den Lippen. Niemand, dem man seine Vergangenheit ansieht.

Mein jetziges Leben ist nicht so spannend wie es war. Dafür finde ich mich wieder zurecht und habe ein wenig Frieden gefunden nach alldem. Es macht Spass zu schreiben, das gibt Kraft und der ganze Dreck geht raus.“.

Ein Roman, der beim ersten Lesen nicht als etwas „Besonderes“ heraussticht. Im Gegenteil. Manch einer wird ihn nach wenigen Seiten beiseite legen, da Brainspotting kein Buch für „gemütliches Lesen“ ist. Das ist aber auch gar nicht die Absicht von Kraus. Er ist Künstler. Niemand, der mit dem Mainstream geht. Seine Werke sind nicht normal, nicht gradlinig, nicht alltäglich. Vielmehr legt er Wert auf das Anderssein, das sich auch in seinem Charakter wieder findet. Nur wer sich mit Brainspotting auseinander setzt, wird erkennen, dass es sich um ein großartiges Werk handelt, das trotz, beziehungsweise gerade durch Wahnvorstellungen, Verwirrung und die Aneinanderreihung von Realität und Fiktion von Genialität kaum zu übertreffen ist. Mit Brainspotting macht Kraus deutlich, dass die Grenze dazwischen nahtlos ist. Bereits im Zeitalter der schwarzen Romantik wusste man, dass Genie und Wahnsinn oft nicht weit voneinander entfernt liegen.

ISBN: 978-3-941-65708-3, Verlag: Conte -Verlag, Erschienen: Mai 2010, Preis: 9,90€, Seiten: 100

Dein Kommentar