Kunst – abseits des Mainstreams
Sonntag 24. September 2017

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GESTOHLENES LEBEN – URAUFFÜHRUNG IM PFALZTHEATER

Kammeroper von Helmut Bieler – Libretto von Susanne Bieler

Die Handlung der Kammeroper ‘Gestohlenes Leben’ ist erfunden, aber sie beruht auf historischen Fakten und verarbeitet dokumentierte authentische Schicksale. Die Geschichte von Greta Lilienberg und Leopold Stein hätte so geschehen sein können.

Als Leopold Stein (Daniel Böhm) mit seiner Frau Johanna (Arlette Meißner) nach einem Konzert nach Hause kommt, hört er zufällig eine Radiosendung, die einzelne Schicksale von früh verstorbenen Gesangstalenten aufgreift.

In der aktuellen Ausgabe geht es um die jüdische Sängerin Greta Lilienberg, die im Oktober 1940 mit anderen Juden aus der Pfalz in das Internierungslager nach Gurs abtransportiert wurde, wo sie nach kurzer Zeit verstarb.

Greta war Leopolds Jugendliebe, mit der er vor der Gestapo fliehen wollte. Um seines Vaters Willen gerecht zu werden, distanzierte er sich allerdings von ihr und sah sie seither nicht wieder. Ihn plagt sein schlechtes Gewissen, seine innere Stimme (Geertje Nissen) schreit: „Du hast ihr das Leben gestohlen.“ Alpträume quälen ihn auch tagsüber, er sucht nach Photos von Greta und beschafft sich die Namenslisten der abtransportierten Juden aus Kaiserslautern, Ludwigshafen, Frankenthal und anderen Städten in Rheinland-Pfalz. Während sich bei seiner Frau Johanna Unverständnis breit macht, will Leopold Kontakt zu Gretas älteren Bruder Jakob (Steffen Schantz), der in die USA immigrierte, aufnehmen und wissen, was damals ins Gurs geschehen ist. Jakob besucht Leopold in Kaiserslautern und berichtet ihm von der Deportation, Gurs und seiner Flucht in die USA. Und er zeigt seine Ablehnung gegenüber Leopold.

Die Musik des zeitgenössischen Komponisten Helmut Bielers (*1940) strapaziert die Hörgewohnheiten des Zuhörers nicht unnötig, sondern passt sich gut in die bedrückende Gesamtstimmung der Kammeroper ein und unterstützt, wenn auch meist unterbewusst, die Einprägsamkeit von bestimmten Textpassagen und Zitaten.

Weitere Pluspunkte sind das klar strukturierte Bühnenbild (Thomas Mogendorf) und die hervorragende Regie von Uwe Drechsel, Intendant des Theater Hof, welche das Stück stets davor bewahren ins Weinerliche oder gar Anklagende abzudriften und die Sänger zu Höchstleistungen auflaufen lässt.

Schön“ wird diese Auftragsoper, welche dem 70. Jahrestag des Internierungslagers Gurs gedenken soll, nie sein. Der Inhalt ist schwer verdaulich, auch wenn man in der letzten Zeit oft mit dem Nationalsozialismus konfrontiert wird. Die Jahre sind und bleiben ein „schwarzes Kapitel“ der deutschen Geschichte, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Umso wichtiger ist es, den Schrecken zeitgemäß zu verarbeiten und Prävention zu betreiben. Dafür eignet sich diese eindrucksvolle Kammeroper mit beispielhaften Charakter optimal.

Solang ich noch lebe, kann ich gegen Ungerechtigkeiten und Vergessen schreien. Aber wenn ich nicht mehr da bin und meine Generation: Dann liegt es an Euch aufzuschreien.“ – Paul Niedermann, ein Überlebender der Deportation in das Lager Gurs.

Nächste Vorstellungen: 04.06., 29.06., 07.07.

Photos: Pfalztheater Kaiserslautern

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