Kunst – abseits des Mainstreams
Mittwoch 13. Dezember 2017

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GLÜCK BRAUCHT MUT – URSULA GRAETSCH

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 14. Februar, dem Tag der Liebenden, erfüllte sich Ursula Graetsch einen Traum. „Der Engel vom Bahnhof“, „Die gute Fee“ oder einfach nur „Die Unermüdliche“, wie sie liebevoll von ihren Schützlingen und Kindern genannt wird, veröffentlicht beim Selbstverlag Books On Demand, ihre Autobiografie „Glück braucht Mut. Mein bewegtes Leben“.

Diesen Mut hatte die heute 72 jährige jedoch nicht von Anfang an. Als unerwünschtes Kind, das kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, dessen Mutter vor seinem ersten Geburtstag starb und dessen leiblicher Vater nichts von ihm wissen wollte, lernte sie früh, wie es ist, weitergegeben zu werden, kein richtiges Zuhause und keine Bezugsperson zu haben.
Nachdem sie ihre Schule abgeschlossen hatte, wurde sie schwanger. Der Vater des Kindes und ihre “liebe Familie”, wie sie sie nannte, wollten damit nichts zu tun haben. Noch während ihrer Schwangerschaft arbeitete sie im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf der Reeperbahn in einer Kneipe, um sich irgendwie über Wasser zu halten.

Ihre erste Ehe, die später annulliert wurde und ein weiteres Kind folgten. Mit Wolfgang wagte sie wenig später ihre zweite Ehe. Doch statt die Liebe und Geborgenheit zu bekommen, nach der sie sich seit Jahren sehnte, prasselte ein Problem nach dem anderen auf sie ein.
Die Schwierigkeiten begannen mit Wolfgangs Alkoholsucht, zeigten sich in Unverantwortlichkeit und Aggressionen, und brachten sie beinahe um ihre wirtschaftliche Existenz. Nebenbei wurde sie von ihrer Stiefmutter schikaniert, die ihr das Jugendamt vorbei schickte. Ursula reichte die Scheidung ein.

Auf der Suche nach einer Bleibe für sich und die beiden Kinder lernte sie ihren dritten Ehemann, einen Beamten, kennen. Doch auch diese Ehe scheiterte, Liebe und Zuneigung waren von Anfang an nicht vorhanden. Eine „Pflicht-Ehe“ zur Absicherung ihrer Kinder, hatte sie es genannt. Um zu Hause nicht untätig zu sein, häkelte sie als „Häkeluschi“ für Tänzerinnen, Artistinnen und Stripperinnen der Reeperbahn, Kostüme. Ihr Kundenstamm nahm rasant zu. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam sie Anerkennung. Doch schnell wurde aus der „Häkeluschi“ die „Gute Fee“, die „ihren Mädels“ neben handgefertigten Kostümen auch psychologische Hilfe, Geborgenheit und Unterschlupf gewährte.

Mit 42 Jahren entschied sie sich für einen Neuanfang. Sie begann eine Ausbildung zur Büroangestellten und arbeitete danach als Verwaltungsfachangestellte beim Ordnungsamt. Die Doppelbelastung als Mutter und Berufstätige kostete sie viel Kraft und zehrte an ihrem Gesundheitszustand. Die Krankenkasse bewilligte ihr einen Kuraufenthalt, in dem sie ihren jetzigen, vierten Ehemann, Werner,  kennenlernte. Seit knapp 30 Jahren steht er nun an ihrer Seite, unterstützte sie, ihren Sohn aus dem Drogensumpf zu holen und gibt ihr die Liebe, nach der sie sich vorher gesehnt hatte.

Was mit der Betreuung, der Medikamentenversorgung, der Hilfe bei Behördengänge, der Wohnungssuche und den Bemühungen um Therapieplätze der „Kollegen“ ihres Sohnes angefangen hat, ist heute wesentlicher Tagesablauf der „Muddi der Obdachlosen“ geworden. Bei Wind und Wetter ist Ursula Graetsch unterwegs und kümmert sich um “ihre Schützlinge”. Mit Hilfe von großen Unternehmen wie KARSTADT, GLOBETROTTER, FC St. Pauli, HSV und anderen Institutionen, aber auch durch Unterstützung von Gönnern, die ihr eine Bühne zur Verfügung stellen, sammelt sie neben Geldspenden auch nicht monetäre Spenden wie Lebensmittel, Kleidung und Dinge des alltäglichen Lebens.

2005 wurde sie vom Hamburger Bürgermeister Ole von Beust für ihre selbstlose Hilfe geehrt. In Kai Pflaumes Sendung “Deutschlands wahre Helden” wurde ihr “Der Ring der Menschlichkeit” verliehen, den sie seither ununterbrochen trägt. Mit ihren 72 Jahren möchte Graetsch nun etwas kürzer treten, sollten ihre Schützinge aber Hilfe brauchen, ist sie selbstverständlich für sie da.

Dieses 116-seitige Büchlein zeigt schnell, dass die meisten von uns die Schattenseite des Lebens nicht kennen. Es ist jedoch keinesfalls als Affront gegen die Gesellschaft zu verstehen, vielmehr ist diese Autobiografie ein Appell an alle, die nur die Sonnenseite kennen; „Gebt ihnen etwas ab, einen kleinen Gruß nur, ein Lächeln oder auch etwas zu essen. Diesen Menschen gibt es viel und es kommt viel zurück; geht nicht so achtlos an ihnen vorbei. Danke.“ (Zitat als Schlusswort der Autobiografie)

ISBN: 978-3-839177-709 | Verlag: Books On Demand | Erschienen: 14. Februar 2011 | 116 Seiten | Preis: 12,80€

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