Kunst – abseits des Mainstreams
Mittwoch 13. Dezember 2017

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MEIN MANN DER MÖRDER -KERSTIN HERRNKIND-

Als die Polizei unerwartet auf Xenia Rabes Arbeitsstelle, einer renommierten PR-Agentur erscheint, gerät das anscheinend sonst so perfekte Leben der erfolgreichen Business-Frau aus den Fugen. Ihr Ehemann Tobias steht unter Tatverdacht, ein 13-jähriges Mädchen missbraucht und entführt zu haben und befindet sich nun auf der Flucht. Von Xenia erhoffen sich die Beamten Hinweise und Hintergründe und nehmen sie daher mit auf die Dienststelle, wo man sie über Stunden vernimmt. Dass mit der Frau eines vermeintlichen Mörders nicht gerade zimperlich und respektvoll umgegangen wird, ist für Xenia ein Schock, zumal sie sich selbst Vorwürfe macht, das Doppelleben ihres Mannes nicht bemerkt zu haben.

Im Nachhinein gab es viele Anzeichen: die überhastete Heirat, das Paket, das bei den Nachbarn abgegeben wurde, Tobias’ Vorlieben, seine geheimnisvolle Vergangenheit, über die nie gesprochen wurde. Als sie entkräftet die Polizeiinspektion verlässt, bleibt ein Trümmerfeld und Fragen zum Hintergrund der Tat sowie eine Kiste mit persönlichen Gegenständen zurück, die an ihrem Arbeitsplatz gestanden haben. Die Frau eines Mörders ist schlecht fürs Image und das kann sich eine PR-Agentur auf keinen Fall leisten. Nachdem sie fristlos gekündigt wurde, verliert sie auch die sozialen Kontakte, ihr Selbstvertrauen und stürzt in die Ungewissheit. Ein weiteres, bisher unausgesprochenes Geheimnis, das Xenia auch Jahrzehnte danach noch beschäftigt, und für ihren Charakter prägend ist, wird thematisiert. In ihrer nicht einfachen Kindheit wurde sie von einem katholischen Pfarrer sexuell missbraucht und gedemütigt. Erst später merkt sie, dass die „anscheinende Liebesbeziehung“ ganz anderer Natur war.

In einem weiteren Handlungsstrang wird der teilweise sehr gewöhnungsbedürftige Arbeitsalltag zweier Polizeireporter beleuchtet, die als freie Mitarbeiter in einer regionalen Redaktion ausgebeutet werden. Sie wollen, beziehungsweise müssen, Xenia Rabe interviewen, verfolgen sie und tun das auf sehr penetrante Art und Weise. Des Weiteren erhält der Leser sowohl einen Einblick in ihr persönliches Leben, als auch in die Arbeit von freien Journalisten.

Im freien Fall wird Xenia von ihrer nicht verarbeiteten Vergangenheit eingeholt, die einstige Fassade aus Designermöbel und Handtaschen zum Preis eines Monatsgehalts können sie dabei nicht auffangen. Sie verliert den Boden unter den Füßen und das Bewusstsein für die Realität. Ist ihr Mann doch kein Mörder? Endstation Psychiatrie.

Der Titel „Mein Mann der Mörder“ und der abgedruckte Klappentext, der vom grafit Verlag als Psychothriller ausgezeichneten Neuerscheinung lassen auf eine Rahmenhandlung schließen, in der eine Ehefrau damit konfrontiert wird, dass ihr Mann ein Mörder ist. Gerichtstermine psychisch überstehen, dem Gerede der Nachbarn und Freunde zu trotzen und dabei seine Würde nicht verlieren. Die Suche nach einer neuen Existenz, eines neuen Lebensinhaltes, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und das Geschehen nach und nach verarbeiten. Erst am Schluss nimmt der Psychothriller eine überraschende Wende, die man vorher nicht erahnt hätte. Dann erst werden Zusammenhänge klar, allerdings werden auf drei Seiten die kompletten Gedankengänge zu dem Buch zunichte gemacht. Da das in den letzten Seiten passiert, ist das Buch plötzlich „fremd“, man fragt sich, ob es keine Hinweise dazu gab oder ob man sie übersehen hat.

Kerstin Herrnkind arbeitet als Journalistin für den STERN und ist dort für Polizei- und Justizthemen zuständig. Daher wohl die Hommage an die beiden Polizeireporter in ihrem Psychothriller. „Mein Mann der Mörder“ ist ihr Debüt.

ISBN: 978-3-89425-382-0, Verlag: grafit Verlag, Erschienen: April 2011, Preis: 8,99€, Seiten 282.

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