Kunst – abseits des Mainstreams
Sonntag 24. September 2017

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Unsere Kameraden: Heidi und der Goldhirsch Deluxe

Sie gehören inzwischen zu den bekanntesten und erfolgreichsten Unternehmen im Bereich des professionellen Upcycling Designs. Gegründet wurde lemonfish im Jahr 2001 und zählt somit zu den Unternehmen der ersten Stunde, die ausgefallenes Design mit ökologischem und sozialem Aspekt kombinieren. Hinter lemonfish stehen die beiden Industriedesignerinnen Bettina Burchard und Alexandra Dittrich, deren 2007 entwickelte Kollektion –„Unsere Kameraden“- dem Unternehmen den absoluten Durchbruch brachte. Immer wieder bekommt das sympathische Unternehmen aus Plünderhausen bei Schorndorf Auszeichnungen und Preise, wie Ende letzten Jahres den Zusatzpreis für baden-württembergische Kleinstunternehmen oder auf der tendence 2012 die Sonderauszeichnung für soziales Engagement.

Wir sind bereit ungewöhnliche Dinge zu tun

Das Rahmenkonzept der beiden besteht in der Verarbeitung von ausgemusterten Bundeswehrseesäcken, der Herstellung eines Designproduktes und dessen Umsetzung in Form einer sinnvollen Beschäftigung von Gefängnisinsassen mit dem Ziel der Resozialisierung. Seit 2007 lässt lemonfish seine Produkte in der JVA Schwäbisch Gmünd produzieren, seit 2009 stehen in der eigenen Näherei in Plünderhausen auch Resozialisierungsarbeitsplätze für ehemalige Inhaftierte zur Verfügung. Aufgrund der hohen Nachfrage -lemonfish stellt inzwischen rund 15.000 Produkte pro Jahr her- wurde die Kooperation auf zwei weitere Justizvollzugsanstalten in der Region sowie Behindertenwerkstätten ausgeweitet. Dabei bedeutet Kooperation für lemonfish nicht nur Arbeitgeber zu sein, sondern gerade im Umgang mit Angestellten aus JVAs aktiv bei der Resozialisierung zu helfen, persönliche Nähe und Engagement aufzubauen, und nach der Entlassung gegebenenfalls auch bei der Wohnungssuche behilflich zu sein. Ein zugegebenermaßen großer Einsatz für eine Taschenproduktion, die jedoch nicht bei jedem auf Begeisterung stößt.

Ausbeutung der Angestellten oder auch mal die Frage, ob die Tasche von einer Mörderin genäht wurde, wird von Bettina Burchard ganz cool mit „Ja.“ beantwortet. Der Erfolg zeigt ihnen, dass sie auf dem richtigen Weg sind und motiviert zugleich. Ungewöhnliches Design, eine hochwertige Produktion aus nachhaltigen Materialien gepaart mit sozialem Engagement sind gefragt, die robusten, und zugleich charmanten Unikate „made in Germany“ sind absolut abseits des Mainstreams. Alle zwei Tage sucht Burchard die JVAs auf und bespricht mit den Näherinnen die aktuellen Verkaufs- und Orderzahlen sowie Presseberichte und Kundenrückmeldungen.

Unsere Produkte tragen Spuren und erzählen Geschichten von vergangenen Zeiten, keines ist wie das andere!

Burchard und Dittrich lieben und suchen Kontraste. Ähnlich wie bei der Auswahl der ungewöhnlichen Produktionsstätten, wird auch bei der praktischen Umsetzung an der Nähmaschine mit Gegensätzlichkeiten gearbeitet: Alt und neu, Tradition und Moderne, dunkel und hell, robust und zierlich, derb und weich sowie der jeweils persönliche Arbeitsstil der Näherin spielen eine wesentliche Rolle. Die materielle Basis von lemonfish Produkten bilden ausrangierte Bundeswehrseesäcke, die vor der Verarbeitung demontiert und aufbereitet werden müssen. Rund 100 eckige sowie 100 runde Taschen entstehen pro Monat. Aufgrund der enormen Nachfrage, kommt es zu Lieferzeiten von bis zu sechs Monaten, denn jedes Exemplar ist 100% Handarbeit und geht erst nach Bestellung in die Produktion. Mit Verkaufspreisen ab 89,90EUR bis über 200EUR (Taschenkollektion) gehört lemonfish eindeutig zum Premium-Preissegment und ist deshalb nur in ausgewählten Boutiquen sowie direkt im Onlineshop erhältlich. Eine Investition, die sich jedoch lohnt. Die Produkte sind alltagstauglich, des Materials wegen äußerst robust und gerade wegen ihrer geflickten Stellen und den natürlichen Verfärbungen perfekt für Individualisten. Als Charaktereigenschaft, aber auch aus optischen Gründen, werden alle lemonfish Produkte mit einer aufwendig handgewebten Borte aus Großmutters Zeit verziert. Diese noch handgewebten Schätze stammen tatsächlich aus dem letzten Jahrhundert und wurden aus einem alten Bestand aufgekauft. Ist der Vorrat einer Borte aufgebraucht, wird das Produkt mit einem anderen verfügbaren Motiv verziert.

Manche Modelle werden zusätzlich mit Lederapplikationen aufgewertet, so unter anderem unser Lieblingsmodell „Heidi S Deluxe mit Goldborte und Goldhirsch“. Dass die Taschen mit viel Liebe zum Detail hergestellt werden, erkennt man bereits auf den ersten Blick. Aber auch die inneren Werte der Kameraden stimmen. Hochwertiges Innenfutter, ein kleines Schlüsselband mit Karabinerhaken und ein Fach mit Reißverschluss für den Geldbeutel wurden eingearbeitet. Einzig der fehlende Reißverschluss um den Tascheninhalt vor Langfingern zu sichern, wäre zu bemängeln. Stattdessen wird die Tasche lediglich mit einem Satinband zugezogen, das jedoch nach kurzer Zeit etwas ausgefranst wirkt.

Inzwischen bietet das Kultlabel Notebook-Taschen, alltagstaugliche Handtaschen, Business-Taschen, Geldbeutel, Handytaschen, Armbänder, Schlüsselbänder, Kosmetiktäschchen, Kulturbeutel und weitere Kleinteile an.

Wir haben lemonfish und Alexandra Dittrich auf der Tendence 2012 kennengelernt und waren begeistert von der Herausforderung, der sich die beiden Geschäftsführerinnen gestellt haben. Im Zuge der momentan andauernden „Öko-, Recycling- und Charity Welle“ haben immer mehr schwarze Schafe diesen Markt für sich entdeckt und lassen, selbstverständlich rein aus Nächstenliebe, ihre Produkte in sozialen Einrichtungen fertigen. Für den Verbraucher wird es zusehends schwieriger die Spreu vom Weizen zu trennen, zwischen sozialer Ideologie und CSR-Maßnahme zu unterscheiden. Lemonfish, als Vorreiter eines solchen Konzepts, lebt es. Burchard und Dittrich sind Arbeitgeberinnen und Sozialpädagoginnen zugleich.

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